Autor: Christian Ehetreiber1
„Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden
werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt
werden muss.“ – Søren Kierkegaard (Die Tagebücher)
Ein Blick zurück ins Jahr 1988
Im mehrfachen Erinnerungsjahr 1988 erarbeitete ich mit Freunden des VfFZ – Verein für Friedensarbeit und Zivildienst in Trofaiach2 die Ausstellung „Widerstand und Alltag – die Eisenstraße im 3. Reich“. Wir entdeckten damals über die Dissertation Willibald Ingo Holzers3 die Geschichte der Partisanengruppe Leoben-Donawitz. Janos Bekesi entlehnte Holzers Dissertation bei der Universitätsbibliothek Wien. Ich las dieses Meisterwerk, mehrmals bis bis spätnachts, mit fieberhaftem Interesse, da es ein ausgeblendetes Kapitel der steirischen Regionalgeschichte im hellen Lichte moderner Zeitgeschichte erstrahlen ließ.
Interviews mit drei Widerstandskämpfern der ÖFF
Ich notierte alle bei Holzer angeführten Partisanenkämpfer der Obersteiermark und suchten sie im Telephonbuch als Zeitzeugen. So fand ich Max Muchitsch, Stahlstraße 1, 8700 Leoben-Donawitz. Ich erinnere mich an mein erstes Telephonat mit Max: „Grüß Gott Herr Muchitsch. Ich bin Christian Ehetreiber vom Trofaiacher VfFZ. Sind Sie der Partisan Max Muchitsch, der die ÖFF – Österreichische Freiheitsfront – in der Krumpen bei Trofaiach mitbegründet hat?“ Der Angesprochene war der Gesuchte!
Wir trafen einander im April 1988 im ehemaligen Schutzbund-Lokal Hans und Resi Schnuderl in Trofaiach. Max erzählte uns in mitreißender Weise von der Gründung der ÖFF im Herbst 1943, von den bewaffneten Aktionen gegen die NS-Herrschaft in den Bezirken Leoben und Bruck an der Mur im Jahr 1944 und von der Rettung der Alpine-Donawitz durch Entmachtung der Werksleitung zum Kriegsende.
Robert Gradauer stellte den Kontakt zum Widerstandskämpfer Sepp Filz in St. Pölten her, der mit damals 82 Jahren zu uns mit dem Auto anreiste. Sepp Filz erzählte uns in ebenso faszinierender Weise von den mutigen Aktionen der Partisanengruppe und vom respektlosen Umgang des offiziellen Österreich mit den Widerstandskämpfern. Sie leisteten jenen in der Moskauer Deklaration der Alliierten vom Oktober geforderten eigenen Beitrag Österreichs zu dessen Befreiung, doch erhielten sie erst in den 1970er Jahren dafür Auszeichnungen. Sepp Filz musste wegen seiner führenden Teilnahme am Oktober-Streik 1950 nach St. Pölten emigrieren, da die in Frage kommenden Stahlbetriebe im Bezirk Leoben „von höherer Stelle“ – so Sepp Filz – die erpresserische Weisung erhielten, den Kommunisten ja nicht einzustellen, wenn man noch öffentliche Aufträge haben wolle.
Last but not least interviewten wir noch Anton Wagner, den dritten Zeitzeugen und Widerstandskämpfer in seiner Leobener Wohnung. Anton Wagner wurde bei einer Schießerei am 9. Mai 1945 – mit bereits auf dem Motorrad aufgepflanzten rot-weiß-roten Wimpeln – von zurückflutenden SS-Einheiten bei der Laurenzikirche in Vordernberg schwer verwundet. Er überlebte mit viel Glück, wohingegen der Partisan Franz Lindmoser am 10. Mai 1945 seinen schweren Verletzungen erlag.
Wir stießen bei den Recherchen auch auf die mutigen Frauen Cilli Muchitsch und Christine Wagner, vormalige Berger, die zur Gruppe der Unterstützerinnen der kämpfenden Partisanen gehörten.
Zeitgeschichtliche Erinnerungsarbeit prägt die Persönlichkeit
Die lesenswerte Dissertation Holzers, die mehrstündigen Zeitzeugengespräche mit den Partisanenkämpfern und die Zusammenarbeit mit den Zeithistorikern Stefan Karner und Karl Stocker waren für unsere Persönlichkeitsbildung prägende Erlebnisse, die unvergessen bleiben und unser politisches Bewusstsein stärkten. Im Zuge des Ausstellungsprojektes 1988 stießen wir noch auf den „Todesmarsch der ungarischen Jüdinnen und Juden“ durch die Eisenstraße vom 7.4.1945, bei dem am Präbichl über 200 Personen vom Eisenerzer Volkssturm brutal ermordet wurden: ein ebenfalls weitgehend unbekanntes und unter Verschluss gehaltenes Gewaltverbrechen des NS-Terrors in der Steiermark. In einem Memorandum an die Stadtgemeinde Trofaiach forderten wir 1989 die Errichtung von Mahnmälern für die Opfer beider verdrängten Ereignisse, was damals bei den politisch Verantwortlichen auf Ablehnung stieß. Sie erwiesen sich als opportunistische Handlanger des weit verbreiteten, wohlfeilen „Landsernarrativs“, wonach „man ja nichts tun konnte gegen die Nazis“, was der mutige Partisanenkampf wie auch die couragierten Hilfeleistungen von Mutigen der Zivilbevölkerung während des Todesmarsches offenkundig relativierten.
1988 bis 2026: Vom Verdrängen und Vergessen zur Erinnerungskultur
Springen wir 38 Jahre später mit einem weiten Satz in die Gegenwart: Die Stadtgemeinde Eisenerz fasste am 18.10.2000 den einstimmigen Beschluss, ein Mahnmal zur Erinnerung an die ermordeten Jüdinnen und Juden am Präbichl zu errichten, das von Eisenerzer Jugendlichen, einem ehrenamtlichen Personenkomitee sowie mit der vielfältigen Mitwirkung der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus umgesetzt wurde. Seit dem 16. Juni 2004 steht dieses Mahnmal auf der Passhöhe des Präbichls und wurde zum Ankerpunkt für eine mehrdimensionale, vitale Erinnerungskultur als Medium der politischen Bildung. Die in 26 Jahren entstandenen Module können sich sehen lassen und machen ein Vierteljahrhundert „Erinnerungskultur Eisenerz“ längst zum bundesweiten Modellprojekt:
- zwei wissenschaftlichen Buchpublikationen im CLIO-Verlag
- das Gedenkbuch beim Mahnmal mit Einträgen von Besuchern aus über 50 Staaten
- Workshops und Seminare zur Regionalgeschichte während der NS-Zeit
- Videointerviews im öffentlichen Raum zur überwiegend wertschätzenden Resonanz der Bevölkerung auf das Mahnmal entlang der Eisenstraße
- die jährlich stattfindenden „Lebensmärsche zum Todesmarschmahnmal“
- die Einrichtung eines multimedialen Schauraums im Eisenerzer Stadtmuseum
- zahlreiche Zeitzeugeninterviews
- die gemeinde- und landesübergreifende Kooperation zum Todesmarsch mit den Gemeinden Bruck an der Mur, Leoben, Trofaiach, Gleisdorf bis zur Gedenkinitiative FRICULUM und der HLW Weyer in Oberösterreich
- die Realisierung weiterer Erinnerungsprojekte zur NS-Zeit, darunter das Mahnmal in memoriam Heinrich Kohnhauser am Leopoldsteinersee
- die alljährliche Gedenkfeier am Präbichl Ende Oktober jeden Jahres
Vom einstimmigen Gemeinderatsbeschluss im Jahr 2000 bis zur Gedenkfeier am 30.10.2026 gründet das Eisenerzer Erinnerungsprojekt auf Einstimmigkeit in der Eisenerzer Stadtregierung und dem Eisenerzer Gemeinderat. Dies ist jedenfalls zu würdigen in einer Zeit, in der parteipolitisches Gezänk allzu oft interfraktionelle Projekte verhindert.
Gerhard Niederhofer: ein unermüdlicher Macher und Umsetzer in der Erinnerungsarbeit
Seit dem Jahr 2000 ist der engagierte Gemeinderat und Obmann des Kulturausschusses Gerhard Niederhofer der unermüdliche Macher und Umsetzer der Erinnerungskultur in Eisenerz. Der liebe Freund Gerhard schafft es immer wieder, die Bürgerinnen und Bürger aller Generationen und aus allen Fraktionen für die Mitwirkung an den Erinnerungsprojekten zu gewinnen! Höchste Wertschätzung verdienen zudem die Direktor*innen und Lehrer*innen der BHAK Eisenerz, des BORG Eisenerz, der MS Eisenerz und der Polytechnischen Schule Eisenerz für ihre kontinuierliche pädagogische Arbeit zur Regionalgeschichte während der NS-Zeit!
Die Kälte der Gedenkfeiern lässt das Martyrium der Todesmärsche erahnen
Am 30. Oktober 2026 durfte ich zum 23. Mal an der Kranzniederlegung mit Bürgermeister Thomas Rauninger, Gerhard Niederhofer, Vertreter*innen aller Fraktionen des Eisenerzer Gemeinderates und meines Nachfolgers als GF-Obmann der ARGE Jugend, Dominik Knes, beim Todesmarsch-Mahnmal am Präbichl teilnehmen. Wie fast immer vermittelten die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und ein heftiger Nordwind auf 1.225m Seehöhe ein „gefühltes Bild“ der Entbehrungen und Strapazen, denen die Jüdinnen und Juden des Todesmarsches 1945 ausgesetzt waren. Zudem erfolgten damals Erschießungen Marschunfähiger in über 150 Gemeinden, sodass die permanente Todesdrohung und der fortwährende Hunger infolge unzureichender Ernährung das durchgängig präsente Martyrium aufspannten! Die beiden überlebenden Zeitzeugen Bela Budai und Juditha Hruza erzählten bei der Enthüllung des Mahnmals im Jahre 2004 eindrucksvoll vom Lauf um ihr junges Leben im Kugelhagel des Eisenerzer Volkssturms am 7.4.1945, der den Massenmord zu verantworten hatte!
Gedenkfeier beim Internationalen Mahnmal am Grazer Zentralfriedhof
Die drei Opferverbände – ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner Österreichs, die Sozialdemokratischen Freiheitskämpfer und der KZ-Verband – laden in Zusammenarbeit mit dem Bürgermeisteramt der Stadt Graz alljährlich ein zur Gedenkfeier beim Internationalen Mahnmal am Grazer Zentralfriedhof, um der Opfer des Faschismus zu gedenken. Im Hinrichtungsraum des Landesgerichts in der Conrad von Hötzendorf Straße 45 wurden in der NS-Zeit 174 Personen hingerichtet, davon 104 Personen mit dem Fallbeil. Viele von ihnen waren Widerstandskämpfer*innen und Oppositionelle, aber auch andere vom NS-Regime verfolgte und ermordete Personen. Im beklemmenden Hinrichtungsraum referierte Univ.-Prof. Dr. Karl Kubinzky über den in Demokratien inakzeptablen Sachverhalt, politisch andersdenkende Personen zu verfolgen, zu inhaftieren und hinzurichten. Der Hinrichtungsraum ist ein Weckruf und ewige Mahnung, die Todesstrafe unter keinen Umständen zuzulassen, da sie Ausdruck der Barbarei, der Dehumanisierung und ein elender Schandfleck ist, wo immer sie heute noch angewandt wird!
Lernen aus der Geschichte = Ächtung jeder Form von Gewalt, Massenmord und Todesstrafe
Beim Internationalen Mahnmal beeindruckte Univ.-Prof. Dr. Stefan Karner mit seinem klaren Plädoyer, alle totalitären Regimes, welche Gewalt und Massenmord als Instrumente der Durchsetzung ihrer Ziele anwenden, zu bekämpfen: vom Nationalsozialismus über den Stalinismus bis zu zahlreichen anderen totalitären Strömungen, die Gewalt und Massenmord im 21. Jahrhundert immer noch anwenden. Demokratien müssen politische Repression, Gewalt, Massenmord und die Todesstrafe ächten und international mit Mut und Courage für verbriefte Gewaltfreiheit im gesellschaftlichen Zusammenleben einstehen.
Ich erinnere die unzähligen Raunzer, Suderer und Untergangshofer immer wieder mit Nachdruck daran, dass bei noch so viel berechtigter Kritik an der Demokratie und an der Europäischen Union seit 1977 in der EU niemand mehr mit dem Tode bestraft wird oder wegen seiner politisch-ideologischen oder religiösen Orientierung verfolgt oder ins Gefängnis verfrachtet wird. Fehlurteile werden von Höchstgerichten immer wieder aufgehoben, was im Falle der Todesstrafe nicht möglich ist. In diesem Sinne sind wir gut beraten, die Demokratie und den Rechtsstaat weiterzuentwickeln in verschiedenen Rollen, vom mündigen, informierten und engagierten Bürger über die Mitarbeit in Vereinen und Parteien, vor allem aber durch Mut und Zivilcourage, im Alltag einzugreifen, wenn Unrecht geschieht!
Referenzen
1 Mag. Christian Ehetreiber, geb. am 6.5.1963, leitete von 1998 bis 2025 die überparteiliche ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus. In seiner Obmannschaft entstanden rund 40 steirische Erinnerungsprojekte im intergenerativen Dialog mit Zeitzeugen und Historikern. Aktuell arbeitet er zusammen mit Mag. Franz Stangl und Mag. Rabia Janisi als Fachreferent und Projektentwickler in der steirischen Erinnerungskultur sowie an der Weiterentwicklung der Website www.generationendialog-steiermark.at, welche Zeitzeugengespräche und zahlreiche Erinnerungsprojekte versammelt. Die Leistungspalette Ehetreibers in der Erinnerungskultur in Verbindung mit politischer Bildung finden Sie auf seiner Website https://www.christian-ehetreiber.at/
2 An der Ausstellung und der begleitenden Broschüre arbeiteten 1988 u. a. mit: Janos Bekesi, Robert Gradauer, Knut Mussmann, Wolfgang Zeller, Angelika Steinwender, Otto Rath und Gerhard Ehetreiber jun.
3 Willibald Ingo Holzer: „Die österreichischen Bataillone im Verbande der NOV i POJ. Die Kampfgruppe Avantgarde/Steiermark. Die Partisanengruppe Leoben-Donawitz. Die Kommunistische Partei Österreichs im militanten politischen Widerstand“. Phil. Diss. Wien 1971.
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