Erinnern sichert Zukunft. Schluss mit Schlussstrichen

Die antifaschistische Widerstandskämpferin Maria Cäsar und mein Freund und Vorgänger Peter Scheibengraf begannen Anfang der 1990er Jahre mit der intergenerativen ZeitzeugInnenarbeit in Schulen und Gemeinden. Gut zwei Jahrzehnte später können wir auf hunderte intergenerative Dialoge mit ZeitzeugInnen, HistorikerInnen und Jugendlichen zurückblicken, auf die DVD-Reihe „Jugendliche im Dialog mit ZeitzeugInnen…“ wie auch auf die Mitwirkung bei der Errichtung von Mahnmälern zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Aktuell erobern wir mit dem „ZeitzeugInnendialog“ das Internet und social media, um den steirischen ZeitzeugInnenschatz für die Nachwelt leichter zugänglich zu machen.

„Antifaschistischer Karneval?“

Das Interesse von Jugendlichen wie auch von politisch und kulturell interessierten Erwachsenen an unserer Erinnerungsarbeit ist ungebrochen groß. Dennoch vernehmen wir im medialen Getöse immer wieder die Forderung nach einem „Schlussstrich“ unter die zeitgeschichtliche Gedenkarbeit oder gar die von Rudolf Burger erhobene befremdliche These vom „antifaschistischen Karneval“, die er anlässlich der Proteste gegen die ÖVP-FPÖ-Regierung im Jahr 2000 publiziert hatte. Eine von Burgers Schriften trägt den Titel „Die Irrtümer der Gedenkpolitik. Ein Plädoyer für das Vergessen“, in welchem er den Opportunismus der Gedächtnispolitik geißelt. In einem „Zeit-Interview“ spitzte Burger seine Kritik zu: „Mich ekelt es, in welcher Weise hier billiges ideologisches und mediales Geschäft gemacht wird mit der Ausbeutung der Opfer.“

Selbst wenn wir einräumen, dass manche Aktionen des Erinnerns und Gedenkens tatsächlich ein „ideologisches und mediales Geschäft“ sind, dass Manches sinnentleert oder phraseologisch erscheint, so sollte Burger bitte nicht die Ausnahmen zum Regelfall stilisieren, denn: die neuen Erinnerungs- und Gedenkprojekte in der Steiermark wie auch in anderen Bundesländern sind zuallererst von einem tiefen zeitgeschichtlichen Interesse der Bürgerinnen und Bürger getragen, den „vergessenen Opfer“ ein Erinnerungszeichen zu setzen, weiters von einem glaubwürdigen menschenrechtlichen Impetus, der Prozesse und Strukturen im zeitgeschichtlichen Längsschnitt erkennbar machen will und schließlich von einem hohen – großteils ehrenamtlich geleisteten – Arbeitseinsatz im Rahmen von Gedenkprojekten. Gerade die interdisziplinäre Annäherung an die Zeitgeschichte vertieft unser Verständnis für Vergangenheit und Zukunft, was Burger ohne Beweis einfach bestreitet: „Die Warnungs- und Erweckungsprosa »Niemals vergessen, damit es sich niemals wiederholen kann« ist ebenso falsch.“ Der Herr belasse dem Polemiker seinen Glauben, den er als Wissen auf dem Jahrmarkt der publizistischen Eitelkeiten feilbieten will.

Interdisziplinarität sichert intergeneratives Verstehen

Gerade die seriöse interdisziplinäre Annäherung an die zeitgeschichtlich prägenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts – im Kern geht es dabei um den Widerstreit zwischen Demokratie versus alle totalitären Politikkonzepte – schafft überhaupt erst ein Begreifen und Verstehen politischer Prozesse in ihrer „Gewordenheit“. Der interdisziplinäre Blick lässt Muster erkennen, etwa jenes der indoktrinierenden Propaganda, die kollektive Verblendungszusammenhänge errichtet, jenes der Erzeugung massenwahnhafter Konformität durch „Zuckerbrot und Terror“ oder der „systematischen Produktion von Sündenböcken“ durch das politische Establishment, um alle Missliebigen schrittweise ausschalten und ausrotten zu können. Wie kann der Philosoph Burger all diese Effekte der politischen Bildung bagatellisieren und sogar diffamieren?

Weiterhin Erinnern, was sonst?

Wir werden weiterhin das „neue Erinnern“ als wichtigen Akt der Demokratie- und Menschenrechtsbildung in Form von intergenerativen Dialogen vorantreiben und aktiver Teil dieses bundes- und europaweiten Netzwerkes bleiben. Heuer nahmen wir wiederum an der Kranzniederlegung der Stadtgemeinde Eisenerz unter der Leitung von Frau Bürgermeisterin Christine Holzweber und VBGM a.D. Gerhard Niederhofer, ehrenamtlicher Koordinator des Eisenerzer Gedenkprojektes, teil. Wir folgten auch der Einladung der Stadt Graz zur „steirisch-slowenischen“ Gedenkveranstaltung beim Internationalen Mahnmal am Grazer Zentralfriedhof, bei der die drei Opferverbände – KZ-Verband, Verband der sozialdemokratischen FreiheitskämpferInnen, die ÖVP Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner Österreichs -, SpitzenrepräsentantInnen der Stadt- und Landespolitik ebenso vertreten waren wie die christlichen Kirchen in Form eines ökumenischen Gottesdienstes und der engagierte junge Chor der „Grazer Keplerspatzen“. Schließlich war die ARGE Jugend auch vertreten bei der Gedenkfeier für Richard Zach in St. Radegund. Ich schließe mit der Inschrift auf unserem Gesteck für die Opfer des Todesmarsches vom April 1945: „Erinnern ist Zukunft!“ Christian Ehetreiber

Links:

Fotostrecke zu den Gedenkveranstaltungen in Graz und am Präbichl

Verein CLIO

www.erinnern.at

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